China in Transition
George Legrady
Zhang Xiaogang, Yue Minjun, Zeng Fanzhi, Fang Lijun...
1. November 2008 bis 15. Februar 2009,
erweitert und verlängert bis 14. Juni 2009
China ist ein Land im Aufbruch. Ein gewaltiger Staat, der viertgrößte der Erde, mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, der im schwierigen Spagat zwischen Kommunismus, Konfuzianismus und Kapitalismus, zwischen Tradition und Moderne, seinen Weg in der Gegenwart sucht. Die Olympischen Spiele haben im letzten Jahr die ganze Welt auf China blicken lassen. Auf die chinesischen Künstler schauen die Kunstinteressierten indes schon etwas länger, spätestens seit Harald Szeemann 1999 ihre Werke auf der 48ten Biennale von Venedig vorgestellt hat. Noch länger sind sie allerdings im Visier der Sammler. Unter den Künstlern, deren Werke in der Stiftung vorgestellt werden, sind prominente Namen wie Fang Lijun, Zhang Xiaogang, Feng Zhengjie, Wang Guangyi und Yue Minjun.
Ihre Bilder werden zusammen mit den Fotografien von George Legrady gezeigt. Der gemeinsame Titel der Ausstellung „China in Transition“ entstammt einem Werk Legradys aus dem Jahre 1985. Wie damals, als der ungarische Medienkünstler das Land bereiste und in den Metropolen die großen Werbetafeln fotografierte, die für ihn exemplarisch den gesellschaftlichen Wandel spiegelten, ist China auch heute in einer schwierigen Phase des Aufbruchs und Übergangs. Die neue Aufspaltung der Gesellschaft in wirtschaftliche Klassen, der Einfluss von Konsum und Kapital auf die Menschen, freiere Umgangsformen und ein neuer Hedonismus, die Sexualisierung der Gesellschaft und die Rolle der befreiten Frau, die rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen und die damit einher gehende Verschmutzung der Umwelt, all das treibt die Chinesen um, und all das wird nun auch zum Thema der Kunst und der Künstler.
Wie fast ein Vierteljahrhundert zuvor der selektierende Blick des Fotografen wird nun der fokussierende Blick der Maler zum Spiegel, in dem sich die Brüche und Verwerfungen der chinesischen Gesellschaft abbilden. Bedeutender Protagonist dieser Kunst ist Yue Minjun mit seinem lachenden Mann, der als Klon seiner selbst immer wieder in seinen Bildern auftaucht. Er parodiert als Einmannunternehmen die Uniformierung der kollektiven Gesellschaft ebenso wie den ihr von ihren autokratischen Machthabern verordneten Optimismus. Subversiver Witz bestimmt auch die ambivalenten Untergangsszenarien von Fang Lijun oder die ironische Heldengalerie von Guo Jin. Nicht minder bestechend ist die Vermischung aller Werte in der Malerei von Wang Guangyi, in der die chinesische Arbeiterklasse vor den Nobelmarken des westlichen Konsumismus paradiert.
Solche Synthetisierungen begegnen uns auch in den Bildern von Feng Zhengjie, aus denen uns Mao Zedong als westliche Modeikone entgegen lächelt. Die Melancholie, die notwendiger Teil einer Welt im Umbruch ist, wird besonders stark spürbar in den Familienporträts von Zhang Xiaogang (geb. 1958), dem wohl bekanntesten chinesischen Maler seiner Generation. Die ernsten Gesichter, die uns frontal anblicken, sind oft im Schwarzweiß der Fotografie gemalt. Nur gelegentlich werden sie durch einzelne Farbflecken aufgehellt oder durch rote, die Familienzugehörigkeit symbolisierende bloodlines. Die handwerkliche Kompetenz des Künstlers wird in jedem Bild sichtbar. Aber sie huldigt nie einem platten Abbildrealismus, sondern verbindet surreale und veristische Elemente. Sie stellen sich in den Dienst einer Erzählung, die das Lokale in den Rang eines Universalen stellt, und uns daher nicht minder angeht als den chinesischen Betrachter.
Die Fotowerke von George Legrady
George Legrady beschreibt seinen künstlerischen Weg selbst als einen, der ihn vom analogen zum digitalen Medium geführt hat (From Analog to Digital). Sein Werk beinhaltet frühe fotografische Arbeiten ebenso wie Computer basierte, interaktive Installationen. Dabei hat der in Ungarn geborene Medienkünstler, der heute als Professor das Fach „Interaktive Medien“ an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara lehrt, nie aufgehört, sich für den formalen und semantischen Status des fotografischen Bildes zu interessieren. Die Fotografie spielt seit ihrer Erfindung im 19ten Jahrhundert eine wichtige Rolle als Medium kultureller Sinnproduktion. Wie sich spezifische Inhalte mit einer bestimmten Form der Repräsentation verbinden, das zu untersuchen fasziniert Legrady bis zum heutigen Tag. Geleitet wird er bei seinen Bildanalysen von der Zeichentheorie des Strukturalismus.
Der Strukturalismus untersucht – worauf der Name hindeutet -Einzelphänomene als eingebettet in eine über geordnete Struktur, in einen Gesamtzusammenhang. Diese Perspektive hat Legrady auch bei der Fertigung seiner Fotowerke China in Transition (1985/2008) geleitet, welche die Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte zusammen mit zeitgenössischer chinesischer Malerei in ihren Räumen in der hannoverschen Warmbüchenstrasse zeigt. Als George Legrady 1985 China bereist, hat das Land gerade begonnen, sich für den Westen zu öffnen. Die dunklen Jahre der chinesischen Kulturrevolution liegen glücklich hinter ihm und die so genannte „Viererbande“ ist entmachtet. Der Künstler, der selbst aus einem sozialistischen Land kommt, das er mit seiner Familie 1956 beim Ungarnaufstand verlassen hat, um nach Kanada ins Exil zu gehen, ist neugierig zu sehen, wie China sich reformiert.
Als zuverlässigen Spiegel der Reformanstrengungen des Landes erkennt Legrady die neu aufgetauchte Werbung in den Metropolen Chinas. In ihr drücken sich nicht nur politische und soziale Ziele aus, sondern auch das kollektive Unterbewusste des Landes, seine Wünsche und Träume, Fantasmen und Traumata. Die Werbung ist zu dieser Zeit in China noch von Hand gemacht, das heißt von Plakatmalern. Ihre unterschiedlichen Malstile schließen sich zu einer Syntax der Bildverfertigung zusammen, die Legrady in seinen Fotowerken präzise heraus präpariert. Er verbindet die Aufnahmen, die er von den großen Werbetafeln macht, zu Mehrfachbildern, in denen er die Werbebotschaften nach formalen und inhaltlichen Prinzipien sortiert. Seine Werke bestehen aus jeweils vier gleich großen Formaten, die für Industrie- und Haushaltsprodukte ebenso werben wie für Spielfilme oder ein vom Staat erwünschtes Sozialverhalten.
Weitere Fototafeln konzentrieren sich auf das Motiv der Hand, des Blickes oder der Drei-Personen-Konstellation, die in ganz unterschiedlichen Werbebotschaften auftauchen. Die Hand beispielsweise wirbt auf einem Plakat für Blutspenden, auf einem anderen für ein sauberes Guangzhou, auf einem dritten für Kassettenrekorder und auf einem vierten für die Ein-Kind-Familie und die „Vier Modernisierungen“ (In den 80er Jahren waren die Modernisierung von Industrie, Landwirtschaft, Verteidigung sowie Wissenschaft und Technik das Herzstück der Reformpolitik von Deng Xiaoping). Auffällig ist, dass für die Ein-Kind-Familie sehr sanft in einem beinahe poetischen und impressionistischen Malstil geworben wird. Der sollte damit versöhnen, dass es sich hierbei um ein Ziel handelt, das auch schon zur Zeit der Kulturrevolution verfolgt worden war. Damals indes in blutiger und terroristischer Weise.
Fortführung und Erweiterung
Die Ausstellung „China in Transition“ in der Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte tritt ab dem 20.02.09 in eine zweite Phase ein. Die erfolgreiche Schau, die zeitgenössische chinesische Malerei und Plastik sowie Fotografien des in Ungarn geborenen und in den USA lebenden und arbeitenden Medienkünstlers George Legrady zeigt, wird um wichtige Werke ergänzt und bis zum 03.05.09 fortgesetzt.
Neu zu sehen ist eine bedeutende Werkgruppe des 1973 geborenen Pekinger Künstlers Liu Bolin. Er ist vor allem mit seinen Camouflage-Bildern bekannt geworden, in denen er zum Teil seiner Umgebung wird und förmlich mit ihr verschmilzt. Die Bilder sind weit davon entfernt, nur ein dekoratives, malerisches Spiel zu sein, sondern höchst ambivalent. Einerseits setzen sie symbolhaft die verschlingende Kraft eines autoritären Staates ins Bild, der sich seine Subjekte ideologisch unterwirft. Andererseits lassen sie in ihrer Anpassung an die Umgebung auch an eine militärische Strategie denken, bei welcher derjenige am effektivsten Widerstand leistet, der sich in Feindesland wie ein „Fisch im Wasser“ (Mao) bewegt.
Nicht weniger ambivalent ist Liu Bolins Skulpturengruppe aus zehn Figuren, „Rote Hand (Reflektion)“ (2007), welche die Stiftung neu präsentiert. Die Population der Plastiken aus glänzendem Kunstharz zeigt immer wieder dieselbe Figur, eine Art kindlichen Mann mit großem Kopf und dünnem Körper, der in allen möglichen Posen und Situationen dargestellt ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Gegensatz der Farben Weiß und Rot. Mal besetzen sie in symbiotischer Weise ein und dieselbe Figur, so wenn sich der weiße Kopf der Plastik in eine rote Hand schmiegt. Oder eine rote Hand reckt sich in die Höhe und zerquetscht zwischen ihren Fingern eine kleine weiße Figur. Dann herrscht Krieg - wie zwischen den „Weißen“ und „Roten“ in der Anfangszeit des Kommunismus. Daneben gibt es noch die monochrome rote Plastik, deren Schädel in ebenso surrealer wie anspielungsreicher Weise von einem Flugzeug gerammt wird.
In hohem Maße komplex ist die Monitorarbeit „Blink“ (2007) von George Legrady. Durch seine analogen Fotoserien in der Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte haben wir den Professor für das Fach „Interaktive Medien“ an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara bereits als äußerst reflektierten Künstler kennen gelernt. Die Werbetafeln, die er in China im Jahres 1985 fotografiert hat, spiegeln den Umbruch und Neuanfang im Lande nach dem Tod Maos und der Entmachtung der so genannten Viererbande. Indem Legrady seine Bilder nach formalen und inhaltlichen Kriterien in Serien zusammenführt, in einem sich an die Zeichentheorie des Strukturalismus anlehnenden Verfahren, arbeitet er diesen gesellschaftlichen Prozess anschaulich heraus und konzentriert die Aufmerksamkeit des Betrachters darauf.
„Blink“ (2007) ist als Computer basierte Installation ein eindrucksvolles Beispiel für die digitale Arbeit des Künstlers. Wir sehen auf einem Monitor eine Reihe identischer Augenpaare, die sich öffnen und schließen, nach oben und unten und nach rechts und links schauen. Ihre Bewegungen richten sich in Anpassung oder Widerspruch nach den Vorgaben ihrer Nachbarn. Bei den Augenbewegungen folgt der Künstler dem Wahrscheinlichkeitsmodell des Mathematikers Ernst Ising aus dem Jahre 1925. Danach ist eine komplette Übereinstimmung aller Augenpaare eher selten. Das Werk von George Legrady wirkt sehr suggestiv. Es weckt einerseits Erinnerungen an die Vorstellung der Romantiker von den Augen als Spiegel der Seele. Andererseits lassen die nervösen Augenbewegungen aber auch an Erkenntnisse von Soziologen und Psychologen im Bereich der Kommunikation und Affekte denken.
(Michael Stoeber)
