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Jacques Mahé de la Villeglé

Ein Plakatabreißer aus Paris / Un Décollagiste Parisien

7. Juli 2007 bis 27. Januar 2008

 

Der 1926 in Quimper geborene Bretone Jacques Villeglé, dessen vollständiger Name Jacques Mahé de la Villeglé lautet, beginnt 1944 eine Ausbildung als Maler an der Kunstakademie in Rennes. Dort lernt er Raymond Hains kennen. Ihre Unzufriedenheit mit der akademischen Ausbildung und die damit verbundene Außenseiterposition führt sie zusammen und lässt sie Freunde werden. Villeglé wechselt zur Architektur und geht nach Nantes, Hains bricht das Studium ab und zieht nach Paris. Aber auch mit der Architektur ist Villeglé nicht glücklich. Lieber sammelt er auf langen Spaziergängen am Atlantik Fundstücke, die er zu Skulpturen zusammenfügt. Darunter sind beeindruckende Werke aus Stahl- und Eisendraht, von denen er Hains in seinen Briefen berichtet. Hains hat inzwischen den anonymen Plakatabriss der Straße als künstlerische Manifestation entdeckt. Erst fotografiert er ihn nur, dann reißt er ihn ab und klebt ihn auf Leinwand.

 

1949 kommt auch Villeglé nach Paris, und die beiden praktizieren in den folgenden fünf Jahren bis 1954 die Strategie des künstlerischen Plakatabrisses gemeinsam. Ihre erste vierhändige Arbeit ist Ach Alma Manetro, so genannt nach den Wortfragmenten, die auf dem Abriss auftauchen. Während Villeglé den Plakatabriss auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten als seine künstlerische Lebensaufgabe betrachtet, wendet Hains sich im Folgenden stärker Werken zu, in denen er mit der Dekonstruktion von Sprache arbeitet. Beide stehen in einer bewusstseinskritischen Kunsttradition, die auch die anderen Plakatabreißer, François Dufrêne und der Italiener Mimmo Rotella, teilen. Dufrêne favorisiert bei seinen Abrissen die „malerischen“ Rückseiten der Plakate, Rotella reißt im Gegensatz zu den Pariser Affichisten seine Plakate um des von ihm gewünschten Effektes willen lieber selbst ab, statt die Aufgabe anonymen Passanten zu überlassen.

 

Solch eigenmächtige Eingriffe sind für Villeglé völlig ausgeschlossen. Für ihn liegt der künstlerische Wert des Abrisses gerade in seiner anonymen Bearbeitung. Nur dadurch wird er zum authentischen Zeugnis seiner Zeit.

 

In den Bildern, die durch die Abrissakte der Passanten sichtbar werden, mischen sich die unterschiedlichsten Stimmen. Das Gestern begegnet dem Heute, der Revolutionär dem Reaktionär, der Konsum seiner Kritik, der Kapitalismus seiner Unterwanderung.

 

Der Kritiker Benjamin Buchloh hat in einem Essay zur Bedeutung des Plakatabrisses hervorgehoben, dass er vielleicht „die am meisten unterschätzte und missverstandene künstlerische Aktivität im Europa der Nachkriegszeit“ ist.

 

Genau dieses künstlerische, aber auch gesellschaftskritische Potenzial des Plakatabrisses ist es denn auch, das Villeglé dieses Verfahren seit mehr als fünf Jahrzehnten hat praktizieren lassen. Inzwischen ist sein Werkverzeichnis in sieben Bänden erschienen, in denen die Abrisse nach unterschiedlichen Kategorien klassifiziert sind, die sowohl ihre inhaltliche, politische und sozioökonomische als auch ihre formale, malerische und typografische Qualität herausheben. In der Ausstellung der Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte finden sich exzellente frühe Abrisse aus den fünfziger und sechziger Jahren. Sie vermitteln in ausgezeichneter Weise, was Villeglé im Rückgriff auf Balzacs comédie humaine als comédie urbaine bezeichnet hat.

 

Im Zusammenhang mit der Ausstellung stellt die Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte auch das von Jacques Villeglé verfasste Buch La Traversée Urbi & Orbi vor. Die Stiftung hat das Buch übersetzen und herausgeben lassen. In ihm stellt der umfassend gebildete Autor sein Wissen in den Prozess der künstlerischen Legitimierung des Plakatabrisses, wobei die Auseinandersetzung mit Duchamps Readymade sehr wichtig wird. Aber auch die Darstellung illustrer Vorläufer nimmt breiten Platz ein. Darunter sind der Surrealist Léo Malet und der Dadaist Johannes Baader, dessen Biografie Villeglé detailliert darstellt, was umso verdienstvoller ist, als Baader bei uns weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

 

Michael Stoeber

 
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Jacques Villeglé
Porte Maillot-Ranelagh
November 1957
Décollage
72 x 147 cm
ahlers collection