Yves Klein
Der Sprung ins Leere
28. Februar bis 1. Juli 2006
Yves Klein (1928–1962) erglüht wie ein Meteor am Kunsthimmel des zwanzigsten Jahrhunderts. Kurz und heftig. Aber nach seinem frühen Tod wird dort nichts mehr so sein, wie es einmal war. Er gehört zu den wahrhaft großen Anregern in der Kunst der Moderne. Im Jahre 1947, da ist Klein gerade einmal 19 Jahre alt, signiert er den Himmel über Nizza, seiner Geburtsstadt. Die symbolische Geste ist ein Appropriationsakt, der alles hinter sich lässt, was es an Aneignungen in der Kunst seit Duchamp gegeben hat. Mit der Signatur des Himmels lädt Klein uns ein zu einer Ideenreise und wird zum wichtigsten Wegbereiter der Konzeptkünstler der sechziger und siebziger Jahre. Zugleich verschiebt er auch die Grenzen seines Ateliers, das für ihn identisch wird mit der Welt. Ob er nun die Natur – Regen, Sonne und Schnee – mitformulieren lässt an der Physiognomie seiner Bilder. Oder ob er Wertscheine verkauft, die ihrem Erwerber zusichern, Teil zu haben an „Zonen immaterieller malerischer Sensibilität“. Ein Akt, der in frappierender Manier ein genialisches Selbstbild, Traditionen einer alchemistischen Kunstvorstellung und Transaktionen des modernen Geschäftslebens miteinander verbindet.
Am 27. November 1960 unternimmt Yves Klein seinen berühmten Sprung in die Leere. Als gallischer Ikarus umarmt er den Kosmos und führt die Vermählung von Kunst und Leben in ebenso emblematischer wie einzigartiger Weise vor Augen.
Da er die Aktion durch die nur für diesen Tag von ihm herausgegebene Zeitung „Dimanche“ dokumentieren lässt, wird er so auch zur Gründerfigur späterer Mail- und Press-Art-Initiativen. Und natürlich steht Kleins legendärer Sprung als wohl spektakulärste Tat in einer Reihe anderer Handlungen von ihm, bei denen er seine Leinwände mit Feuer attackiert oder lebende Modelle als Malpinsel benutzt und dabei einmal sogar ein Orchester dirigiert, das eine von ihm komponierte Partitur spielt. Auch mit solchen Aktionen wird er zum Anreger: für die spätere Body Art, die Ära der Happenings und Performances sowie das heutige Genre übergreifende Crossover in der Kunst. Vor allem aber hat er sich in das kollektive Kunstgedächtnis der Moderne mit seinen Monochromen eingeschrieben, unter denen die Werke in dem von ihm patentierten Yves Klein-Blau hervorragen. Ihr Status zwischen Bild und Plastik antizipiert bereits den Charakter der „specific objects“ amerikanischer Minimal-Künstler.
In der Ausstellung „Yves Klein – Der Sprung ins Leere. Pretiosen des Nouveau Réalisme“. Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte in den Räumen der alten Kestner Gesellschaft in der hannoverschen Warmbüchenstraße nimmt ein solches blaues Monochrom einen privilegierten Platz ein.
In den Hauptraum der Ausstellung hat man Yves Klein einen Raum im Raum gebaut, ein artistisches Sanktuarium, das allein seinen Werken vorbehalten ist. Am Eingang dazu sehen wir das Werk „IKB 191“, das eine eigene Geschichte hat. Yves Klein hat das Bild im Jahre seines Todes seinem Mitstreiter und unermüdlichem Dolmetscher seiner Kunst, dem großen Kritiker und Publizisten Pierre Restany, verehrt. Auf der Rückseite der Leinwand lesen wir „A Pierre Restany, au coeur de la proposition monochrome“ von „Yves le Monochrome, 1962“. Der monochrome Yves, so nannte sich Klein mit frühem Gespür für die Wirkkraft des Labels, der corporate identity. Auch das etwas, was jungen Künstlern erst heute, vierzig Jahre später, dämmert. Der Begriff der „proposition monochrome“ stammt aus einem frühen Text Restanys zu Klein. Mit ihm vermied er den Begriff des Bildes, um so den reflexiven Gehalt der Werke ins Betrachtungszentrum zu rücken.
Klein, der als Judomeister wie ein Künstler kämpfte, kämpfte in der Kunst wie ein Champion. Restany war ihm dabei als theoretischer Kopf stets ein treuer Gefährte.
Von ihm stammt auch der Begriff der „nouveaux réalistes“, unter dem sich Klein und seine Freunde zur Künstlergruppe sammelten. Die meisten der in der Ausstellung präsentierten Künstler gehören zu ihren Gründungsmitgliedern, allen voran Arman, ein enger Freund aus Nizza, der einst die legendäre Ausstellung Kleins „Le Vide“ bei Iris Clert mit der Schau „Le Plein“ konterte. Wo Klein die Pariser Galerie restlos ausgeräumt und in ein immaterielles, meditatives Weiß getaucht hatte, räumte Arman sie bis unter die Decke voll mit dem bric-à-brac unseres Alltags und verwandelte sie so in ein beängstigendes, konsumistisches Menetekel. Mit ähnlichen Materialien hat er auch ein – ebenfalls in der Warmbüchenstraße zu besichtigendes – Porträt des Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela geschaffen, bei dem Yves Klein einst seine erste Ausstellung in Deutschland hatte. Daneben erwarten den Besucher der Schau beeindruckende Werke der Affichisten, Dufrêne, Villeglé, Hains und Rotella sowie Arbeiten von César, Spoerri, Deschamps und Raysse.
Michael Stoeber
